Pascal auf der Arbeit an einem Computer
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Allgäu GmbH, Dominik Berchtold

Zwischen Technik und Gebärdensprache – Pascals Weg ins Allgäu

Aus Dortmund ins Allgäu, vom Ruhrpott in die Alpen. Und das ohne Worte. Pascal ist taub, arbeitet in der High-Tech-Elektronik und beweist, dass gelungene Kommunikation keine Frage des Hörens ist, sondern der Offenheit.

    „Den Allgäuer Dialekt? Merke ich gar nicht“, sagt Pascal wortlos und mit einem Lächeln. „Ich bin taub.“ Um sich zu verständigen, nutzt er seine Hände und die Gestik der Deutschen Gebärdensprache. Eine Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt. So erzählt der IT-Systemelektroniker im Besprechungszimmer der Firma TQ in einem munteren Tempo, wie er ins Allgäu kam: über die Liebe.

     

    Wegen der Liebe: einmal quer durch die Republik

    Seine Freundin Elena fand er online. Es passte sofort. Leider wohnte sie im 600 Kilometer entfernten Allgäu. Die Entscheidung, von Dortmund nach Kempten zu ziehen, fiel dem 37-Jährigen vor fünf Jahren nicht leicht. „Meine ganze Familie lebt in Dortmund – mein Sohn, meine Freunde. Meine Eltern waren geschockt, als ich gesagt habe: Ich werde umziehen.“

    Diesen Schritt quer durch die Republik hat er bis heute nicht bereut. Schon nach wenigen Tagen fühlte sich der leidenschaftliche Motorradfahrer und Wintersportler in der Landschaft mit dem herrlichen Panorama wohl. Auch beruflich passte es sofort: Fünf Jobs hatte er nach seiner Bewerbungsphase im Angebot. Am Ende entschied er sich für TQ in Durach. „Weil es eine spannende Kombination aus Technologie und Elektronik ist.“

    Pascal mit einem Kollegen auf der Arbeit
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    Allgäu GmbH, Dominik Berchtold

    Erst zeigen, dann sprechen: der Start bei TQ-Systems

    Aufregend war sein Start aber trotzdem: „Ich hatte große Sorgen wegen der Kommunikation“, erzählt er. Schon das Bewerbungsgespräch sei eine Herausforderung für ihn gewesen. „Ich musste sagen: Ich bin taub – ich brauche einen Gebärdensprachdolmetscher.“ Kurze Dinge kann er zwar von den Lippen ablesen, bei längeren Gesprächen braucht er Hilfe. An seinem Arbeitsplatz erklärte er seinen Kollegen am Anfang eine einfache Regel: „Erst zeigen, dann sprechen – nicht gleichzeitig.“ So gelang der Start, Pascal arbeitete sich sehr gut ein.

    Er gibt sich Mühe – will besser werden, mehr Verantwortung übernehmen. Nach einer Weile wechselte er die Abteilung. Heute arbeitet er im Team Produktions-Qualitätsmanagement. Zum Kommunizieren nutzt er Apps, die Sprache in Text umwandeln. In Gesprächen läuft auf dem Handy mit, was gesprochen wird. „Heute ist das alles viel einfacher – früher hatten wir nicht so viele technische Hilfsmittel. Damals gab es mehr Missverständnisse.“

    Heute finden Meetings über MS-Teams statt. Dort laufen die Live-Untertitel einfach mit. Will Pascal etwas sagen, tippt er sein Anliegen ein. Das dauert natürlich, aber es klappt. Einmal in der Woche kommt eine Gebärdensprachdolmetscherin und übersetzt längere oder kompliziertere Gespräche. „In der Firma ist es selbstverständlich, dass ich diese Hilfsmittel bekomme“, sagt Pascal, sichtlich dankbar für die Unterstützung. „Das ist nicht überall so.“

    "Ich werde nicht durch Gespräche abgelenkt und kann mich voll auf meine Aufgabe konzentrieren."

    Ohne Ablenkung zur besten Qualität

    Dem hohen Engagement begegnet Pascal mit überdurchschnittlich guter Leistung. Er arbeitet extrem genau. Mit maximaler Aufmerksamkeit prüft er Bauteile auf Fehler, die später in komplexen technischen Geräten verbaut werden – etwa in Monitoren für OPs oder in der Flugzeugtechnik. Ich werde nicht durch Gespräche abgelenkt und kann mich voll auf meine Aufgabe konzentrieren.“ Fehler passieren ihm praktisch nie – er findet jeden Lötfehler und jede kleine Unebenheit.

    Seine Stärke ist sein Fokus. Wenn Pascal Teile untersucht, mit denen etwas nicht stimmt, kann er manchmal spüren, wo genau das Problem sitzt – durch sanftes Kippen oder Drehen. Sein Chef René sagt: „Das ist irre, so etwas kann nur Pascal.“

    Pascal hat sich immer gern weiterentwickelt. Seinen Beruf hat der IT-Systemelektroniker in einer hörenden Firma gelernt. Parallel dazu besuchte er die Berufsschule für Taube. Den Eintritt in die hörende Berufswelt schaffte er früh. Deshalb kommt er auch im Allgäu wunderbar zurecht. „Wenn ich etwas brauche, macht das Unternehmen das möglich. Auch Kollegen und Freunde unterstützen mich, wo es nur geht.“

    Pascal bei der Arbeit in der Firma TQ
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    Allgäu GmbH, Dominik Berchtold

    Vom Ruhrpott ins Allgäu: gut vernetzt und angekommen

    Um gesellschaftlichen Anschluss kümmerte sich Pascal ab seinem ersten Tag im Allgäu selbst. „Taube haben da einen Vorteil: Wir sind sehr gut vernetzt.“ Wenige Wochen nach seiner Ankunft wurde er Mitglied in einer Tauben-Community. Wenige Monate später war er erster Vorsitzender.

    Natürlich gab es auch Hürden, die er bewältigen musste. „In Dortmund gibt es mehr Verkehr: U-Bahn, Zug, Bus – alles läuft. Auch nachts. Geschäfte haben bis 24 Uhr offen, es gibt Spätis. Im Allgäu ist das anders. Ruhiger.“ Auch in der Deutschen Gebärdensprache gibt es Unterschiede. „Bayern gebärden anders als ich. Aber das stört mich nicht. Wir finden einen gemeinsamen Stil.“

    An das bayerische Essen hat er sich schnell gewöhnt. Er liebt Weißwurst mit Brezen. Und im Winter das Schneeschuhwandern. Für Zuzügler:innen – egal ob hörend oder nicht – hat er mehrere Tipps: „Man muss offen und bereit sein, hier zu leben.“ Eine größere Herausforderung sei die Wohnungssuche: „Da sollte man sich rechtzeitig darum kümmern.“ Außerdem sei es richtig, dass die Lebenshaltungskosten höher seien als anderswo in Deutschland. „Aber die Gehälter sind auch höher – das gleicht sich aus.“

     

    Kommunikation braucht kein Gehör, sondern Lösungen

    Alles in allem ist das Allgäu für Pascal eine runde Sache. Es hier zu versuchen, kann er nur empfehlen – egal ob hörend oder nicht. „Taube Menschen sind genauso unterschiedlich wie Hörende. Manche haben weniger Mut, andere führen ein ganz normales Leben, wieder andere sind besonders erfolgreich und stechen heraus. Das ist bei uns wie bei Hörenden.“

    Trotzdem rät er auch Firmen, es zu versuchen. „Es lohnt sich, Tauben Menschen eine Chance zu geben. Oft wird bei ‚taub‘ gesagt: ‚Das geht nicht – wie sollen wir kommunizieren?‘ Aber man kann kommunizieren – auch ohne Gebärdensprachdolmetscher die ganze Zeit. Es gibt Lösungen. Man muss es einfach ausprobieren.

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