Franziska an einer Maschine mit einer Stoffrolle
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Allgäu GmbH, Dominik Berchtold

Zwischen Veränderung und Stabilität – Franziskas Weg ins Allgäu

Mit einer gescheiterten Ehe und ohne Ausbildung, aber mit viel Willenskraft wagte Franziska vor 24 Jahren den Neuanfang im Allgäu. Hinter ihr liegt ein steiniger Weg aus Schulden und Krisen, der sie gelehrt hat: Jammern bringt nichts, man muss die Dinge selber in die Hand nehmen.

    Eine gescheiterte Ehe führt Franziska ins Allgäu: Mit 38 Jahren sagt sie dem niederbayerischen Bad Füssing Lebwohl und zieht zu einer Freundin nach Bad Wörishofen. Zurück lässt sie ihr halbes Leben – ihren Mann und ihre 18-jährige Tochter. „Das war nicht einfach“, sagt die 63-Jährige heute.

    Rückblickend war die Entscheidung aber richtig. „Wenn du etwas nicht mehr aushältst, musst du es ändern“, sagt die recht kleine Frau mit der schicken, großen Brille und dem frechen rot gefärbten Pony. „Es hilft niemandem, wenn du durchhältst – und dabei immer nur jammerst.“

    Glatte Stoffe, bewegtes Leben

    Das Interview findet im Besprechungszimmer der Firma Topp Textil in Kempten-Durach statt. In diesem Unternehmen arbeitet Franziska seit mehr als 24 Jahren. Normalerweise steht sie in der Produktion, zwischen großen Stapeln mit Spulen, auf denen Textilbänder aufgewickelt sind. Hier arbeitet sie an der Faltmaschine und schaut, dass alles richtig geknickt und gebügelt ist. In ihrem Leben lief es weniger glatt – hier schaut sie auf ein „Leben mit Höhen und Tiefen“ zurück.

    Franziska an einer Maschine mit Stoffbändern
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    Allgäu GmbH, Dominik Berchtold

    „Ich habe mich kurz nach meiner Ankunft im Allgäu neu verliebt. Ein Dreivierteljahr später zog ich mit meinem neuen Freund zusammen. Nach zwei Jahren heirateten wir.“ Dazwischen zog sie nach Probstried und begann nach einem beruflichen Ausflug als Zimmermädchen in der Hotellerie ihre Arbeit in der Textilfabrik. „Ich wollte von Anfang an mein eigenes Geld haben.“ Ein guter Plan – denn auch bei ihrem zweiten Gatten war die Kasse knapp. 

    So knapp, dass Franziska einen Kredit aufnehmen musste – für ihren Lebensunterhalt, den ihres Mannes und für die Hochzeit ihrer Tochter. Dann geht auch noch ihr Auto kaputt. Als auch ihre zweite Ehe zerbricht, steht sie auch finanziell auf wackeligen Beinen. Wieder hat sie keinen Partner und kein Geld – dafür mit einem Berg von Schulden.

     

    Die Arbeit gibt ihr Halt

    „Das Einzige, was mir Halt gegeben hat, war mein Job. Und die Gespräche mit meiner Freundin.“ Sie fragt den Chef um einen Vorschuss, der sie über Wasser hält. Die Freundin hilft ihr bei der Finanzierung eines neuen, kleinen Autos, damit sie weiter zur Arbeit fahren kann. Die Rate: 60 Mark pro Monat. Kaum zu stemmen für Franziska – ihr Arbeitgeber räumt ihr einen kleinen Kredit ein.

    Über Jahre stottert sie ihre vielen Schulden ab. „Irgendwie hab ich es hingekriegt“, erinnert sie sich an Zeiten, in denen sie sich kaum etwas gegönnt hat. Große Ausflüge machte sie nicht. „Einmal war ich in Altusried bei den Egerländern – das war was Besonderes.“ Sie muss lernen, mit ihrem Lohn zurecht zu kommen. Einen richtigen Beruf hat sie nie gelernt. „Nach der Hauptschule besuchte ich als junges Mädchen die Hauswirtschaftsschule. Das hat mir aber nicht gefallen“, sagt sie lächelnd.

    "Ich hab mich überall schnell eingelebt. Das Allgäu macht es einem da ziemlich leicht."

    Bei Topp Textil in Durach hatte sie sich deshalb ohne langen Lebenslauf beworben. „Ich hab im Arbeitsamt die Stellenausschreibung gesehen und dann einfach angerufen. Man zeigte mir die Firma und stellte fest, dass ich irgendwie ins Team passe.“ Beim Rundgang gefällt ihr die Geschäftigkeit in der Halle – und wie man ihr alles erklärt. Sie bekommt die Stelle und damit eine Chance.

     

    Seit 24 Jahren die Konstante in Franziskas Leben

    Fleißig fuchst sie sich an der Falz-Maschine ein. „Ich fand das interessant.“ Seit 24 Jahren schlüpft sie jeden Tag in ihre Sicherheitsschuhe und drückt dann den großen, grünen Knopf für „Ein“. Ab hier muss sie sich konzentrieren, dass nichts falsche Falten schlägt. Wenn Kollegen und Kolleginnen vorbeigehen, grüßt sie kurz und freundlich. „Manche sind nett, mit manchen kommt man weniger gut zurecht. So ist es, glaube ich, überall.“ Spätestens hier merkt man im Gespräch, dass Franziska einfach immer sagt, was sie gerade denkt. „So wissen die Leute immer, was los ist.“ Ihre Erfahrung damit im Allgäu: So kann man ganz gut zusammenarbeiten. 

    Auch privat hält sie das ähnlich: Einfach immer sagen, was ist. In ihrer kleinen Mietwohnung in Leitersheim bei Betzigau fühlt sie sich längst zu Hause. In den Geschäften erlebte sie die Menschen von Anfang an als hilfsbereit: Ich hab mich überall schnell eingelebt. Das Allgäu macht es einem da ziemlich leicht. Auch wenn sich manche bis heute beim Bäcker noch über ihren leicht niederbayerischen Dialekt wundern. Franziska stört das nicht.

    Franziska im Gespräch mit einer Kollegin bei TOPP Textil
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    Allgäu GmbH, Dominik Berchtold

    Die kleinen Freuden und der wohlverdiente Ruhestand

    Im Sommer genießt sie die kleinen Freuden – wie den Blick aus ihrem Wohnzimmer. „Da seh ich immer Sonnenuntergänge.“ Sie liebt kurze Spaziergänge in der Natur, bei denen sie „wunderbar Kraft tanken“ kann. Eine große Wanderin sei sie allerdings nicht. Aber wenn sie morgen frei hätte, dann würde sie mit der Bahn auf einen Berg fahren und sich dort oben umsehen. „Das fänd ich schön.“

    Bald hat sie dafür sicher Zeit. In wenigen Wochen ist sie fertig mit Arbeiten, der Kredit ist abbezahlt. „Dann hab’ ich Zeit zum Leben. Sparen konnte ich ja nichts, aber ich bekomme eine Rente – und ich habe einen Minijob in einer Gastwirtschaft“, blickt sie zuversichtlich in die Zukunft. An ihrem letzten Arbeitstag weiß sie schon ganz genau, was sie macht: „Da klopfe ich mir auf die Schulter und sage mir: Du hast es geschafft. Das hast du richtig gut gemacht.“

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