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Allgäu GmbH, Kathrin Heckmann

Etappe 1: Nesselwang - Oy-Mittelberg (über die Alpspitze)

Ich bin die einzige Wanderin, die den Zug am kleinen Bahnhof von Nesselwang verlässt. Es könnte am Wetter liegen, das sich an diesem Tag nicht gerade von seiner besten Seite zeigt. Der Gedanke, dass beim Wasserläufer das Wasser eben wohl dazu gehört – egal aus welcher Richtung – drängt sich mir unweigerlich auf.

  • Fräulein Draußen

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Ich bin die einzige Wanderin, die den Zug am kleinen Bahnhof von Nesselwang verlässt. Es könnte am Wetter liegen, das sich an diesem Tag nicht gerade von seiner besten Seite zeigt. Der Gedanke, dass beim Wasserläufer das Wasser eben wohl dazu gehört – egal aus welcher Richtung – drängt sich mir unweigerlich auf. Nach einem kurzen Streifzug durch Nesselwang treffe ich auf die Talstation der Seilbahn, die bis kurz unter den Gipfel der Alpspitze führt. Natürlich steige ich nicht ein! Und würde das auch niemandem empfehlen, denn der Weg hoch zum Gipfel ist auf jeden Fall eines der Highlights dieser Etappe.

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Fräulein Draußen unterwegs auf der Wandertrilogie Allgäu entlang der Wasserläufer Rout

Kurz hinter der Seilbahn treffe ich auf den Wanderweg, und bald danach auf das erste Indiz dafür, dass der Name Wasserläufer vielleicht doch nicht nur auf den Regen bezogen ist. Durch urwüchsigen Wald, der dank des Regens wunderbar glitzert und duftet, geht es über viele Stufen und schmale Wege steil bergan. Während neben mir ein wilder Bach in die entgegengesetzte Richtung rauscht, am Nesselwanger Wasserfall ca. 60 Meter in die Tiefe fällt, sich in Gumpen fängt und über Steine sprudelt. Es hat viel geregnet in den letzten Tagen, und hier am Wasserfallweg hat dieser Regen wenigstens mal was Gutes! Ein beeindruckendes Naturschauspiel, dass gekonnt von den Strapazen des steilen Anstiegs ablenkt.

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Nach circa eineinhalb Stunden ist der größte Teil davon geschafft. Ich widerstehe der Versuchung, im Sportheim Böck eine Pause einzulegen, gehe aber einmal rund ums Haus der Berghütte, um zu sehen, ob ich vielleicht trotz der Wolken das Schloss Neuschwanstein in der Ferne entdecken kann. Negativ! Aber der Blick auf die nebelverhangenen Bergketten ist mindestens genauso schön.

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Einige Kühe und wenige, gut in Regenjacken verpackte Wanderer, treffe ich auf den letzten Höhenmetern hoch in Richtung Alpspitze. Auf einer der modernen Panoramabänke kurz unterm Gipfel lege ich einigermaßen windgeschützt eine kurze Pause ein, und mache mich anschließend auf zum Gipfelkreuz. Die kleineren Voralpengipfel, wie die Alpspitze mit ihren 1.575 Metern einer ist, sind vielleicht nicht ganz so eindrucksvoll und aufregend wie die der „richtigen“ Berge nebenan. Aber der Kontrast aus den Blicken über die weitläufige Voralpenebene auf der einen Seite und den hohen, teils schneebedeckten Gipfeln der Alpenketten auf der anderen Seite ist etwas, das man so nur auf diesen Bergen findet. Und obwohl ich die größte Zeit meines Lebens in München gelebt und daher schon viele dieser Voralpengipfel bestiegen habe, begeistern sie mich immer wieder.

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Ich halte mich nicht allzu lang am felsigen Gipfel der Alpspitze auf, denn der Wind pfeift mir hier oben doch ganz schön um die Ohren. Der erste Teil des Abstiegs ist etwas steil und unwegsam, aber bald schon werden die Wege breiter und gut begehbar. Immer wieder gibt der Wald Blicke aufs Tal frei. Und damit auch auf den Grüntensee, den ich Am Ende des Abstiegs erreichen werde. Zuvor durchwandere ich ein kleines Naturschutzgebiet mit wilden Wiesen und moorigen Feuchtgebieten. Dann stehe ich auf der Staumauer, denn der Grüntensee ist ein Stausee. Der namensgleiche Berg ragt in einiger Entfernung dahinter auf. In zwei Tagen werde ich auf seinem Gipfel stehen. Aber bis dahin gilt es noch ein paar Kilo- und Höhenmeter zu wandern.

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Am Grüntensee gibt es mehrere Bademöglichkeiten, einen Kletterwald und Angebote für Wassersportler. Auf einem neun Kilometer langen Rundweg kann man ihn zu Fuß oder auf dem Rad einmal umrunden. Ich gebe mich mit einem Teil davon zufrieden – und verzichte auch auf die Badepause. Wasser hatte ich an diesem Tag genug, auch wenn mittlerweile tatsächlich sogar die Sonne hier und da durch die Wolken bricht. Ein letztes Päuschen am Seeufer muss daher sein, bevor ich das letzte Stück nach Oy-Mittelberg, meinem Etappenziel für diesen Tag, zurücklege.

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Der Grüntensee im Allgäu - dahinter ragt der gleichnamige Berg auf.

Katrin Heckmann

Die Autorin

Katrin Heckmann: Fräulein Draußen

Dass ich erst so richtig glücklich bin, wenn ich mit Wanderschuhen bewaffnet in irgendeiner menschenleeren Landschaft stehe, das Meer vor meinem Zelt rauschen höre oder den Sonnenuntergang von einem Berggipfel aus betrachte, das war mir bis vor wenigen Jahren noch gar nicht so richtig bewusst. Aber spätestens als ich mein Zelt zum ersten Mal auf einem einsamen schottischen Hügel aufschlug und die Abendsonne die Highlands in goldenes Licht tauchte, während ich meine Asiaanudelsuppe schlürfte, wusste ich, dass ich da etwas ganz Großem auf der Spur war. Seit diesem Tag ist meine Leidenschaft fürs Draußensein immer weiter gewachsen und zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden.

Dabei müssen es aber nicht die höchsten Gipfel oder die weitesten Wege sein. Draußen sein, frei sein, glücklich sein ist das, was mir wirklich wichtig ist. Und das suche und finde ich auf einer 1.000 km langen Fernwanderung in Australien oder einem 4-wöchigen Solo-Roadtrip durch die endlose Weite Alaskas genauso wie auf einer kleinen Mehrtagestour zu Fuß oder auf dem Fahrrad duch das Allgäu und Bayerisch-Schwaben.