Viehscheid in Obermaiselstein im Allgäu
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Allgäu GmbH, Jonathan Besler

Das Allgäu feiert: Historische Feste und Bräuche

Seit Jahrhunderten hat sich im Allgäu gelebte Tradition erhalten und wird alljährlich gefeiert. Kein Wunder, denn diese beeindruckende Landschaft mit sanften Hügeln, schroffen Felsen und tosenden Wasserfällen hat Respekt vor der Natur geschaffen. Die Menschen wissen, dass Leben und Arbeiten im Einklang mit der Natur zusammengehören. Und so kommt es, dass Arbeitsweisen der Alp- und Talwirtschaft gewürdigt werden, dass Glaubensfeste und Sagen im Jahresrhythmus ihren festen Bestandteil im Leben der Allgäuer haben.

    Von Januar bis Dezember - Feste und Bräuche im Allgäu

    Hornerrennen

    Früher dienten die großen Hörnerschlitten, die sogenannten „Schalenggen“, den Bergbauern zum Transport von Milch, Heu und Holz ins Tal. Heute sind sie meist für rasante Rennen im Einsatz und werden dann oft von zwei Personen bedient. Der Vordermann lenkt, der Hintermann bremst. Hörnerschlittenrennen gibt es mittlerweile in vielen Allgäuer Gemeinden, wobei die Pfronten die Tradition als erste wieder ins Leben riefen. Immer an Faschingssamstag findet dort das Rennen mit historischen Rodeln und selbst gebauten Schlitten statt.

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    Bad Hindelang Tourismus, B. Kleinert

    Wenn die Berge brennen: Funkenfeuer


    Mit dem Funkenfeuer, einem Brauch aus dem alemannischen Raum, wird der Winter im Allgäu ausgetrieben. Traditionell sammeln junge Leute in den Dörfern nach Dreikönig alte Weihnachtsbäume und sonstiges Brennmaterial. Das trockene Holz wird schließlich am ersten Fastensamstag des Jahres am Dorfrand zu einem hohen Haufen geschichtet. Im südlichen Allgäu gleichen die Funken aus übereinander gestapelten Balken einem Holzturm, während im Norden lange Stangen wie eine Pyramide aufragen. Hoch oben ragt die Strohpuppe hervor, die sogenannte Funkenhex’. 

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    Andreas Höss

    Am Sonntag ziehen bei Einbruch der Dunkelheit die Dorfbewohner und -Bewohnerinnen hinaus zum Funken und entzünden ihn feierlich. Dazu gibt es Glühwein und Funkenküchle, auch als „Ausgezogene“ bekannt. Am Sonntag, meist gegen 19 Uhr brennen die Funken, so beispielsweise in Obermaiselstein, Bad Hindelang, Burgberg und anderen Gemeinden von Alpsee-Grünten. Am Samstag lodern die Feuer in Wertach, Bad Grönenbach und Benningen. Übrigens: Nur wenn die Hexe brennt, verzieht sich der Winter.

    Maibaum aufstellen

    Die Tradition des Maibaumaufstellen reicht bis hinein in die germanischen Zeiten, wurde aber erstmals im 13. Jahrhundert schriftlich dokumentiert. Meist ist der Maibaum eine bis zu 40 Meter hohe Fichte, deren unteren Äste alle entfernt wurden, so dass nur die Baumkrone übrig bleibt. Den Stamm schmücken bemalte Schilder mit Motiven der ortsansässigen Handwerker oder Vereinswappen. Mancherorts wird der Maibaum noch mit Muskelkraft vieler kräftiger Männer hochgezogen. Nach der anstrengenden und nicht ganz ungefährlichen Arbeit freuen sich sowohl die Aufsteller als auch die Besucher auf zünftige Maibaumfeste mit traditioneller Blasmusik und einem frisch gebrautem Maibockbier.

    Manchmal werden auch sogenannte Maien gesteckt: Nicht wundern, wenn man mit Krepppapier geschmückte Birken in Kaminen oder am Gartenzaun sieht. Sie werden von jungen Männern in der Mainacht am Haus der angebeteten jungen Frau gesteckt, als sichtbares Zeichen der festen Absicht. In der Mainacht verbringt die Dorfjugend die Nacht beim Baum, denn nichts ist peinlicher als wenn morgens der Maibaum fehlt. Dann heißt es den Baum finden und mit viel Bier auslösen.

    Der Maibaum wird in der Regel am 30. April oder am 01. Mai aufgestellt. 

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    Tourismus Hörnerdörfer GmbH

    Fischertag Memmingen

    Die Memminger Ach, die noch heute die Stadt als offenes Fließgewässer durchquert, diente jahrhundertelang dem Antrieb von Mühlrädern. Und natürlich auch als Abwasserkanal. Einmal im Jahr wurde das Wasser abgelassen, nicht nur um Schäden an Brücken und Mühlanlagen zu reparieren, sondern auch um die Ach von Schwemmgut zu reinigen. Weil die Memminger Bevölkerung als Gemeinschaft das Fischrecht am Bach besaß, erledigte man das Bachausfischen auch zusammen. Heute ist der Memminger Fischertag ein großes Heimatfest: Am Vorabend trifft man sich in den Gassen der Altstadt. Samstag ist der Höhepunkt: Um 8 Uhr Bach springen Memminger Männer beim Böllerschuss  ins Wasser, um auszufischen. 

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    Treibsatz, Stadt Memmingen

    Osterbräuche

    Der Palmsonntag gehört zu den gelebten religiösen Bräuchen im Allgäu und läutet als letzter Sonntag vor Ostern die Karwoche ein. Man erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem, der mit Palmzweigen als Fürst des Friedens und der Gerechtigkeit geehrt wurde.
    Auch heute noch erinnern Gläubige an diesen Brauch: Vielerorts werden sogenannte Palmen, Palmbuschen oder Palmboschen gebunden: Da es nördlich der Alpen keine Palm- und Olivenzweige gibt, behilft man sich mit anderen immergrünen Zweigen. Sie enthalten sieben verschiedene Pflanzen: Buchs, Thuja, Tanne, Fichte, Weidenkätzchen, Eibe, Wacholder. Werden sie an Holunder- und Haselnussruten gebunden, kommt man auf die Zahl neun, eine sakrale Zahl.
    Im Allgäu finden sich zwei Formen der Palmen: eine gotische, länglich-ovale Form so wie die barocke, eine große runde Form, auf Haselnussruten gebunden und mit einem Holzkreuz fixiert. Hinzu kommt die Palmbrezel, das typische Gebildebrot, welches in früheren Zeiten von den Paten für das Patenkind gebacken wurde. Das Gebildbrot bestand im Gegensatz zum normalen Gebäck nicht aus Roggen-, sondern aus dem teureren Weißmehl und anstelle Salz ist die Brezel mit Zucker bestreut.
    Die geweihten Palmbuschen sollen übrigens Haus und Hof vor Schaden bewahren und geweihte Palmkätzchen werden dem Vieh verfüttert um auch für sie den Segen zu erbitten. So findet man im Herrgottswinkel ebenso kleine Palmzweige wie die großen Buschen vor dem Haus. Hier sind sie meist mit Ostereiern zu einer barocken Form gebunden.Vielerorts werden zudem allgäuweit kleine Palmzweige vor dem Gottesdienst zu Palmsonntag gegen eine Spende angeboten.

    Reiterprozessionen

    Reiterprozessionen geben nicht nur ein prachtvolles Bild ab, sondern zeugen auch von der Verbundenheit zur Landwirtschaft.  

    Bad Wurzach
    Rund 1.700 Reiter kommen jedes Jahr nach Bad Wurzach zur zweitgrößten Reiterprozession Mitteleuropas zusammen. Sie feiern mit 4.000 Wallfahrern das Heilig-Blutfest. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die Verehrung einer Heilig-Blut-Reliquie aus dem Privatbesitz von Papst Innocenz XII., der sie 1693 einem deutschen Rompilger schenkte. Das blutgetränkte Tuchstück wird während der Prozession durch die Stadt und durch die Flure und Felder in einem vergoldeten Reliquiar mitgeführt. Alle Pferde sind festlich geschmückt und die Reiter tragen Festtagskleidung.

    Termin: zweiter Freitag im Juli

    Schwangau
    Eine weiteres Pferdespektakel ist der Colomannsritt in Schwangau, der traditionell am zweiten Sonntag im Oktober stattfindet. Direkt an den Allgäuer Alpen versammeln sich circa 200 Reiter um den Heiligen Coloman, ein Schutzheiliger der Tiere, in der Nähe der gleichnamigen Kirche zu verehren.

    Illerbeuren
    Ein Besuch wert ist auch der Leonhardiritt beim Bauernhofmuseum in Illerbeuren, der neben einer Vielzahl an Pferden, eine Pferdesegnung im Museum und historische Kutschen bietet. Die prachtvoll frisiert und geschmückten Pferde zeigen mit ihrem Reiter dem Heiligen Leonhard ihre Ehre. Vorallem während  den winterlichen Jahreszeiten versprach man sich von dem Patron der Nutztier oder auch Kettenheiliger  Schutz vor Pferdekrankheiten und Unglücksfällen.

    Termin: am 06.November bzw erster Sonntag nach dem 06.11.

    Bergmessen, dem Himmel nah

    Bergmessen erfahren immer mehr Zuspruch. Das ist wohl der Umgebung geschuldet, denn die christliche Botschaft wirkt in freier Natur  noch direkter als in Gotteshäusern und zudem wird Urlaub mit Kultur und Bewegung mit Achtsamkeit  verbunden.

    Viehscheid

    In den Wochen vom 8. September bis zum 03. Oktober herrscht Hochsaison im Allgäu – es ist Viehscheid. In rund 30 Orten entlang der Alpenkette zwischen Bodensee und den Königsschlössern kehren rund 30.000 Rinder von den saftigen Bergweiden der Allgäuer Alpen ins Tal zurück und werden von mindestens doppelt so vielen Besuchern erwartet. Das sind zum einen die Landwirte, die ihr Jungvieh den Sommer über einer Alpgenossenschaft anvertraut haben und die Tiere nun wieder in den heimischen Stall bringen. Der überwiegende Teil aber sind die Gäste, die den traditionellen Almabtrieb – im Allgäu „Viehscheid“ genannt – mit den Bauern als großes Volksfest feiern.

    Viehscheid in Obermaiselstein im Allgäu
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    Allgäu GmbH, Jonathan Besler

    Klausentreiben

    Immer vom 4. bis zum 6. Dezember ziehen in vielen Orten die wilden Rumpelklausen durch die Straßen und Gassen. Früher war vor allem in den langen, dunklen Winternächten die Furcht der Menschen vor bösen Geistern groß. Mutige junge Burschen kleideten sich dann in Fell- und Ledergewänder, setzten sich Tierköpfe oder Kappen mit Hirschgeweihen oder Ochsenhörnern auf und zogen johlend mit Schellen- und Kettengerassel los, um die Nachtgeister zu vertreiben. Bis heute hat sich diese Tradition gehalten, auch wenn nun nicht mehr die Geister sondern vorwitzige Zuschauer gejagt werden. Die größte Klausenvereinigung der Alpen ist in Sonthofen zu finden, hier können Zuschauer ungefährdet dem Treiben am 5.12. zuschauen.

    Klosensänger von Wangen

    Wenn am Nikolaus-Abend, dem 5. Dezember, die Klosen-Sänger durch die Stadt Wangen im Allgäu ziehen, leuchten die Augen bei vielen Einheimischen.

    Diese Tradition gibt es nur einmal im Jahr, nur an diesem Abend, und nur in Wangen. Früher gab es ihn auch in anderen Reichsstädten. Einzig in Wangen jedoch hat sich dieser mittelalterliche Heische-Brauch erhalten. Ursprünglich waren es die Schüler der Lateinschule, die durch die Stadt zogen, sangen und dafür einen kleinen Obolus wie Äpfel, Nüsse, Wurst oder auch Geld bekamen. Als kleinen Zuverdienst für sich selbst. Heute noch singen A-capella die Wangener Klosen alte, deutsche Lieder, wie sie überliefert wurden.

    Die Weihnachtsgeschichte in Bildern

    Eine Blockhütte im tief verschneiten Wald, die Tiere des Waldes ganz in der Nähe, Familien ziehen zur Krippe: Der Memminger Maler Josef Madlener (geb. 16.04.1881, gest. 27.12.1967) hat die Geburt Jesu aufs Allgäu übertragen. Im Innenhof des Antonier-Haus verzaubert die Krippe mit lebensgroßen Figuren die Besucher. Diese  Art der Krippendarstellung und seine charakteristischen Bildern von Weihnachten haben ganze Generationen geprägt und Sehnsüchte entstehen lassen. Ergänzt wird die Darstellung des Weihnachtsgeschehens durch die kostenlos zugängliche Ausstellung seiner Bilder im Antonier-Saal.

    Christbaumloben - ein schöner Brauch

    „Mei, isch des a schöner Baum!“ Und schon bekommt man einen Schnaps gereicht. „Christbaum loben“ nennt sich dieser im Allgäu gesellige Brauch. Normalerweise besucht man dazu Nachbarn und Freunde. Und der Baum mag sein wie er will: krumm und karg oder ausladend und beladen. Wichtig ist, man öffnet den  Besuchern die Tür und nimmt sich Zeit. Ganz spontan, ganz unkonventionell und ohne digitale Unterstützung. So mancher Zugereister wird von einem solchen Besuch überrascht. Dafür gibt es Abhilfe. Die Allgäu-Brennerei stellt eigens einen Christbaumlober – Schnaps her. In Memmingen ist dies eine Aktion für jedermann, den Weihnachtsmarkt ergänzend. Der Verein Soziale Bürger stellt die Bäume  in der Memminger Rathaus-Halle auf. Dort schmücken Paten ihren Baum. Zu sehen sind klassische Christbäume, aber auch mit Einhörnern oder mit Schmuck aus Fahrrad-Ersatzteilen.

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