Barock, Bombasin und Weltpolitik
Wie ein Memminger die Großmächte das Fürchten lehrte


Simone Zehnpfennig
Wie ein Memminger die Großmächte das Fürchten lehrte
Wohl kaum jemand weiß um die Finanz- und Logistikgeschichte, die mit dem Hermansbau in Memmingen verknüpft ist: Vollendet im Jahr 1766, steht dieses spätbarocke Prachtgebäude für eine der faszinierendsten Karrieren der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Im Zentrum steht ein Name, der schon zu Lebzeiten Legende war: Benedict von Herman. Das Stadtmuseum Memmingen hat erstmals diese Geschichte herausgearbeitet und widmet diesem visionären Geist die Sonderausstellung „Barock, Bombasin und Bonbons“.
Der Aufstieg: Von der Adria in den Norden
Die zeitgenössische Presse feierte Herman nach seinem Tod 1782 als armen Schlucker, der zu Fuß über die Alpen zog und als reichster Schwabe seiner Zeit mit einem Vermögen von sechs Millionen Gulden starb.
Die historische Realität ist unaufgeregter, aber nicht minder spannend: Herman stammte aus solidem Memminger Bürgertum, reiste vermutlich mit einer regulären Warenfuhr nach Venedig und machte dort Karriere. Seine Lehrjahre am Fondaco dei Tedeschi, dem deutschen Handelshaus in Venedig, öffneten ihm das Tor zum Weltmarkt.
Hermans geniale Nische: Er verknüpfte das Mittelmeergeschäft mit den Nordseehäfen und wurde zum bevorzugten Partner englischer, holländischer und Hamburger Kaufleute. Als er die venezianische Niederlassung seines Lehrherrn komplett übernahm, kontrollierte er ein weites, internationales Handelsnetzwerk.

Simone Zehnpfennig
Barocke Räume bleiben unverändert, Würfel-Elemente erläutern das Geschehen.

Simone Zehnpfennig
Sabine Rogg ist Patin des restaurierten Bildes.
Der Fugger der Maria Theresia
Mit dem Ausbruch der schlesischen Kriege geriet das Haus Habsburg in akute Finanznot. Wien benötigte dringend Kapital – und fand es im Allgäu. Benedict von Herman entwickelte sich für Kaiserin Maria Theresia zu einem ähnlich unverzichtbaren Geldgeber, wie es Jakob Fugger einst für Karl V. gewesen war.
Diese Allianz katapultierte die kleine Reichsstadt Memmingen mitten in das geopolitische Kräftespiel der europäischen Großmächte. Wien plante nach 1763 eine ambitionierte Transitroute, um seine Territorien von der Nordsee über das Allgäu bis nach Venedig zu verbinden.
Das logistische Instrument dafür war die „Memminger Fuhr“. Das von Herman koordinierte Transportnetzwerk agierte im Süden derart dominant, dass die Nachbarstaaten Kurbayern und das Hochstift Würzburg in Alarmbereitschaft versetzt wurden. In Dokumenten war ehrfürchtig von der „Memminger Übermacht“ die Rede. Um mitzuhalten, sahen sich die umliegenden Fürstentümer gezwungen, eigene Straßen zu bauen und Zölle drastisch zu senken. Herman zwang ganz Süddeutschland im Alleingang zur Modernisierung der Infrastruktur.
Erbe und Gegenwart
Trotz seines unermesslichen Reichtums und der Erhebung in den Reichsadel blieb der kinderlose Junggeselle – von Zeitgenossen im Alter als exzentrisch und schwierig beschrieben – seiner Heimat treu. Er betrat Memmingen zwar nie wieder persönlich, schenkte der Stadt jedoch das barocke Sommerpalais für seine Verwandtschaft und sicherte über millionenschwere Stiftungen jahrhundertelang die Armenpflege.
Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, dass das oft als „Epoche des Niedergangs“ abgetane 18. Jahrhundert eine Phase rasanten Wandels war. In Zeiten von Umbrüchen bewiesen die kleinen schwäbischen Reichsstädte eine Agilität, die den schwerfälligen, absolutistischen Flächenstaaten das Fürchten lehrte. Sie waren die Hidden Champions ihrer Zeit – und Benedict von Herman war ihr unbestrittener Pionier.
Die Sonderausstellung „Barock, Bombasin und Bonbons“ ist ab sofort im Stadtmuseum Memmingen (Hermansbau) zu sehen. Der Eintritt ist, wie in alle Memminger Museen, frei.