die Braunvieh-Herde kommt von der Weide
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Allgäu GmbH, Resi Agentur - Felix Baab

Retter aus Leidenschaft – wo das Original Allgäuer Braunvieh bewahrt wird

Auf dem Boschenhof nahe Leutkirch wird mit gefährdeten Rassen aktive Landwirtschaft betrieben. Ganz vorne mit dabei: Das Allgäuer Braunvieh.

    Leutkirch. Wie zwei alte Freunde stehen sie beieinander, der Ahornbaum und das Haus mit den dunklen Schindeln. Sie sind gleich hoch, ähnlich breit und gleichermaßen imposant. Wer von den beiden zuerst da war, weiß niemand mehr. Über 200 Jahre gibt es das geschindelte Haus in Alleinlage nahe Leutkirch nun. Und immer wieder waren hier auf dem Boschenhof Pioniergeister daheim, die ihre Ideen unter dem wachsenden Schatten des Ahorns ausbrüteten.

    Es war Anfang der 1970er Jahre, als der Betrieb auf ökologische Erzeugung umgestellt wurde – als einer der ersten im Allgäu. Später eröffnete hier die erste Demeter-Hartkäserei Deutschlands. Und: Seit 2016 ist der Boschenhof zertifizierter Archehof*. Damit hat es sich Landwirt Jakob Schweiger zur Aufgabe gemacht, vom Aussterben bedrohte Tierrassen zu halten. In seinem Fall Vorwerk-Hühner, Pinzgauer Rinder, aber vor allem: das Original Allgäuer Braunvieh. Die Rasse ist stark gefährdet, laut GEH** gibt es noch gut 800 Tiere. 17 von ihnen leben auf dem Boschenhof – Tendenz steigend.

    Der Betrieb gehört einer Stiftung mit klarem Ziel

    „Als ich vor sieben Jahren auf den Hof kam, gab es genau zwei Original Allgäuerinnen“, erzählt der 35-Jährige. Er steht vor Haus und Bergahorn, die Hände in den Taschen. Durch Zukauf und natürliche Vermehrung konnte er den Bestand auf 17 Original Allgäuer bringen. Jakob Schweiger ist der Hof-Pächter, zusammen mit seiner Partnerin Ilona Labitzke (27). Sie ist ebenfalls Landwirtin und 2019 wegen der Arbeit auf den Hof gekommen. Wegen der Liebe ist sie geblieben. Der Boschenhof gehört der GG-Stiftung gGmbH, die den Betrieb 2013 gekauft hat – „mit dem Ziel, dort alte Haustierrassen zu halten und die Tiere bekannter zu machen“, erklärt Schweiger. Und sein Ziel? „Ich will einfach unproblematische Kühe haben – wie das Original Allgäuer Braunvieh.“  

    Das Original Allgäuer Braunvieh ist ein kastenförmiges Rind mit kurzen Beinen und stämmigem Körper. Das Fell ist einfarbig dunkelbraun bis grau, wobei Unterbauch und Beine etwas heller sind. Die großen Ohren sind buschig und hell, die Augen dunkel ummalt. Auf dem Kopf sitzen geschwungene, lange Hörner, deren Farbe von hell nach dunkel wechselt, genau wie beim zotteligen Schwanz. Eine Besonderheit: Das dunkelbraune, aber weiß umsäumte Flotzmaul. Gemeint sind Nase und Oberlippe, die beim Rind verschmelzen. Das kernige Vieh kommt auch auf steileren Bergwiesen gut zurecht. 

    „Je kleiner und gedrungener sie sind, und je mehr Hinterteil sie haben, desto mehr Allgäuerin steckt drin.“ Jakob Schweiger stapft auf seine Viehweide gleich hinterm Hof. Der viele Regen lässt den Boden schmatzen. Partnerin Ilona Labitzke folgt ihm, Hund Benni läuft voraus. Rund um die drei versammeln sich schnell die neugierigen Rinder. Insgesamt 35 Tiere zählt die Herde. Auf den ersten Blick: Alle gleich, ebenso wie die beschriebene Rasse. Auf den zweiten, geschulten Blick: Schweizer Braunvieh, Brown Swiss und Kreuzungen davon. Und zwei braun-weiß gescheckte Sonderlinge. Die Hälfte der Runde gilt als Original Allgäuer Braunvieh, mit maximal 12,5 Prozent Fremdblut, gemäß Definition. „Unsere haben sogar gar kein Fremdblut“, informiert Schweiger.

    „Bei der Karamel sieht man die Allgäuer Merkmale gut“, Ilona Labitzke zeigt auf eine grasende Kuh in erster Reihe. „Sie ist klein, kompakt und kräftig.“ Früher wurden die starken Rinder übrigens für die Feldarbeit eingespannt. Das warmbraune Rind mit den unterschiedlich langen Hörnern blickt herüber ­– die Tiere kennen ihre Namen, sagt die Landwirtin. „Die Rauke dahinter ist deutlich größer, also höher, aber schmäler, und sie hat weniger Muskeln. Sie ist eine Mischung aus Brown Swiss und Schweizer Braunvieh“, erklärt Jakob Schweiger. Aber auch ein Profi bemerke die Unterschiede nicht immer. Dafür gibt es Gentests, deren Ergebnisse für die Zucht relevant sind. Der Allgäuer Stier darf dann im Sommer für zwei Monate mit auf die Weide, die Kälber kommen im Frühjahr, bevor die Weidesaison wieder losgeht.

    Beim Original Allgäuer Braunvieh spricht man von einem Zweinutzungsrind. Denn die Kühe produzieren nicht nur Milch, die Tiere setzen auch Fleisch an. Das klingt erst mal ergiebig. Jedoch ist keine dieser Leistungen mehr konkurrenzfähig. Einseitig gezüchtete Rassen haben längst neue Maßstäbe in ihrem Genre gesetzt. Das ist auch der Grund, warum das Original Allgäuer Braunvieh ab den 1960er Jahren – solange war die Rasse im Allgäu vorherrschend – beinahe vollkommen verfremdet, also eingekreuzt wurde.  

    Die Zahlen sprechen gegen die alte Rasse

    Eine moderne Milchkuh verzeichnet heute eine Jahresleistung von mehr als 9000 Litern. Das Original Allgäuer Braunvieh gibt maximal 6000 Liter. Die Tiere von Jakob Schweiger, die ausschließlich das hofeigene Gras und Naturschutz-Wiesenheu und kein Kraftfutter bekommen, liefern maximal 5000 Liter pro Jahr. „Damit bin ich zufrieden“, sagt der Landwirt. Die frische Bio-Milch geht an die Molkerei Demeter-Heumilch-Bauern, der Preis ist gut.

    Es ist sogar so: Wenn seine Kühe auf ihre Milchleistung reduziert werden, wird Jakob Schweiger ernst im Gesicht. „Es zählen ja wohl noch andere Dinge.“ Körperliche Robustheit, eine gute Futterverwertung und ein friedlicher Charakter zum Beispiel. Mit der Milch kommen die Probleme, sagt er. Seine Tiere sollen stattdessen verschiedene Eigenschaften haben. „Und an gscheiden Hintern“, sagt der Landwirt. „Eine Kuh, an der bissl was dran ist, ist nach dem Kalben viel schneller wieder fit.“ Auch die Geburten verlaufen auf dem Boschenhof meist problemlos. Dafür sind die Original Allgäuer eigentlich weniger bekannt. Jakob Schweiger hat eine Erklärung.

    „Unsere Erwartungshaltung gegenüber dem Tier ist erst mal niedrig, wir bauen keinen Druck auf, alles ist entspannt.“ Auch Tiere mit schlechter Milchleistung oder geringer Fruchtbarkeit verbleiben in der Herde. Auf dem Boschenhof kriegen die Kühe Zeit. Manche brauchen nur länger. Andere zünden nie, tragen aber eine besondere Blutlinie in sich, die Jakob Schweiger erhalten will. Aus diesen Gründen ist die Boschenhof-Herde vergleichsweise alt. „Im Schnitt sind wir bei acht Jahren. Manche sind deutlich drüber. Das darf noch mehr werden.“ Jakob Schweiger ist sich sicher: Diese Philosophie wird mit Tiergesundheit und Vitalität belohnt.

    Mittlerweile sind einige Tiere nähergekommen, sie stupsen Jakob Schweiger und Ilona Labitzke mit der Nase an, fordern ihre Streicheleinheiten ein. Überall sind große Köpfe mit mächtigen Hörnern, die auf Augenhöhe durch die Luft geschwenkt werden. „Die kennen zwar ihr Werkzeug, setzen es aber nicht gegen uns ein“, versichert Jakob Schweiger. Das Vertrauen besteht also auf beiden Seiten. „Gefährlich wird’s nur, wenn die Gundi mit ausgeprägtem Mutterinstinkt ihr Kalb schützen will. Dann muss man sich halt zurückziehen.“ Oder wenn Benni zu nahekommt. Die Original Allgäuerinnen nehmen den Hund noch als Raubtier wahr. „Die Urinstinkte sind doch das Spannende an einer alten Rinderrasse.“

    Jakob Schweiger selbst ist kein Original Allgäuer. Er kommt gebürtig aus Freising. Ilona Labitzke stammt aus Gießen in Mittelhessen. Patriotismus ist es also nicht, der die beiden zu begeisterten Züchtern der regionalen Rinderrasse macht. Es sind die Tiere selbst, die die Faszination auslösen. „Wir haben uns in die Allgäuerinnen verliebt. Weil sie stark und unkompliziert sind, weil sie treu sind und Vertrauen aufbauen können“, sagt Jakob Schweiger. „Und sie haben den gleichen Sturkopf wie wir“, fügt Ilona Labitzke lachend hinzu. „Das passt einfach.“

    Ein neuer Stall und weitere Rassen sind geplant

    Jakob Schweiger und Ilona Labitzke arbeiten bereits an der nächsten Idee. Sie sitzen auf der Terrasse im Schatten des Bergahorns. Es gibt Käse aus der Demeter-Heumilch und Wurst vom eigenen Rind. Jakob Schweiger trinkt ein großes Glas Milch dazu. „Ein Liter am Tag geht da schon weg“, sagt er. Frisch und kalt, direkt aus dem Tank.

    In den nächsten Jahren wollen die Landwirte ihren Bestand an Original Allgäuer Braunvieh annähernd verdoppeln. Außerdem sind die Pläne für den neuen Laufstall sind bereits gezeichnet. Und auch bei den übrigen Archehof-Tieren gibt es endlich Fortschritte. Nachdem der Fuchs die besondere Hühnerschar kürzlich auf fünf Vorwerk-Hühner und einen reinrassigen Hahn dezimiert hat, sind nun elf Küken geschlüpft. Die Glucke schafft es gerade so, am Abend alle unter ihr schützendes Federkleid zu stopfen. Der Bestand wächst quasi exponentiell.

    Als dritte Tierrasse, die vom Aussterben bedroht ist, halten die Landwirte auf dem Boschenhof momentan die bereits erwähnten weiß-braun-gescheckten Rinder – die Sonderlinge der Herde. Die Rasse nennt sich Pinzgauer und hat ihren Ursprung im Pinzgau, einem Bezirk im Südwesten des Bundeslandes Salzburg. „Wunderschöne Tiere“, finden die Landwirte.

    Und damit sind sie noch nicht am Ende. Schafe wünschen sich die beiden. Für eine zusätzliche Grünland-Verwertung sagt er. Für noch mehr Vielfalt auf dem Boschenhof, sagt sie. Einig sind sie sich bei der Rasse. Es wird eine von der roten Liste der gefährdeten Tierarten sein.

    Über 200 Jahre steht der schwarz geschindelte Boschenhof schon in Alleinlage bei Leutkirch
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    Sie kennen Ihre Tiere beim Namen - Jakob Schweiger und Ilona Labitzke
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    Jakob Schweiger treibt seine Kühe auf die Weide
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    Das original Braunvieh ist vom Aussterben bedroht
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    Stärkung für den Tag - eine deftige Brotzeit mit Käse aus Demeter-Heumilch, eigenen Eiern und Wurst vom eigenem Rind
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    Jakob Schweiger auf der Weide mit originalem Braunvieh
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    Retter aus Leidenschaft - Jakob Schweiger und Ilona Labitzke
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    Jakob Schweiger und Ilona Labitzke sind Landwirte aus Leidenschaft
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    Tierisches Taxi - ein Vorwerkküken auf dem Rücken eines Vorwerkhuhns
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    Das vom Aussterben bedrohte Vorwerk Huhn gilt als Zweinutzungsrasse
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    Endlich wieder Nachwuchs - Vorwerkhuhn mit fünf Küken
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    zwei Braunvieh Kälber im Stall
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    Ein Vorwerk Huhn mit Küken - sie stehen auf der "roten Liste" und sind vom Aussterben bedroht
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    Archehof – was ist das?

    *Archehöfe sind keine Gnadenhöfe. Die Tiere dort warten nicht auf ihr friedliches Ableben. Sie stehen voll im Saft, produzieren Milch, Fleisch, Eier, liefern Wolle, Horn, Leder oder andere Rohstoffe. Auf einem Archehof wird mit vitalen Nutztieren gearbeitet und gewirtschaftet. Der entscheidende Unterschied: Es handelt sich um Tiere alter und vom Aussterben bedrohter Rassen. Mindestens drei Gattungen, die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen, müssen auf einem offiziellen Archehof gehalten bzw. mit zweien sogar gezüchtet werden. Die Herausforderung: Die Tiere sind selten einseitig leistungsstark. Ein lohnender Betrieb erfordert deshalb Kreativität, Leidenschaft und harte Arbeit. 

    Weitere Informationen zum Thema: Die GEH

    **Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. – kurz GEH – will das Aussterben alter Haustierrassen verhindern. Den Verein gibt es seit 1981, bundesweit zählt er über 2100 Mitglieder – das sind Landwirte, Tierzüchter und Engagierte aus den Bereichen Agrarwirtschaft, Biologie und Veterinärmedizin und Unterstützer, denen der Erhalt alter Rassen wichtig ist. Die GEH zertifiziert Betriebe als Archehöfe, es gibt aktuell über 90 in Deutschland, zwei davon befinden sich im Allgäu. Der Verein ist Ansprechpartner für die Züchter und aktualisiert jährlich die Rote Liste der gefährdeten Nutztierrassen.  

    • Redaktion

      Text: Resi Agentur 

      Bilder: Felix Baab