Blogbeitrag von Anne-Sophie Weisenbach

Wenn die Hexe brennt: Funkenfeuer im Allgäu

Wenn am ersten Sonntag nach Aschermittwoch in Hegge im Allgäu meterhohe Flammen durch die Luft schlagen, kommt die Feuerwehr nicht mit angefahren, um den Brand zu bekämpfen.

Wenn am ersten Sonntag nach Aschermittwoch in Hegge im Allgäu meterhohe Flammen durch die Luft schlagen, kommt die Feuerwehr nicht mit angefahren, um den Brand zu bekämpfen. Die Männer haben das Feuer sogar gelegt. Mit einem Lächeln stehen sie in stockdunkler Nacht neben dem Scheiterhaufen und bestaunen das Funkenfeuer.

„Das Funkenfeuer ist im Allgäu ein fester Bestandteil des Jahreskalenders und Teil unserer Kultur“, sind sich Dominik Reich und Daniel Eisenbarth einig. Im Auftrag der freiwilligen Feuerwehr Hegge organisieren sie das Event. Die Flammen lassen Schatten auf den Gesichtern der 26-Jährigen tanzen und beleuchten das Szenario. Hunderte Zuschauer sind mit ihren Kindern gekommen, um bei der Traditionsveranstaltung dabei zu sein.

Funken - Tradition in Bayern

Dunkelheit und Winter vertreiben

Aus Holz und Christbäumen wird traditionell ein Haufen aufgeschichtet, in dessen Mitte ein langer Baumstamm in den Himmel ragt. „Ganz oben wird dann die Strohhexe festgebunden, die schon Wochen zuvor gebastelt wird“, erklärt Reich. Mit dem alten Feuerbrauch, der noch heute im Allgäu gepflegt wird, werden im Allgäu seit jeher der Winter und die Dunkelheit vertrieben. Das ist dem Glauben nach aber nur gelungen, wenn die Hexe an ihrem Stab von den Flammen erfasst wird und so lichterloh brennt wie das Funkenfeuer.

Reich und Eisenbarth, die beiden Funkenmeister aus Hegge, müssen sich keine Sorgen machen. Mit einem Knistern hat sich ihre Hexe bereits in einen Feuerball verwandelt. „Bisher ist uns das noch jedes Jahr gelungen“, erzählt Dominik Reich stolz. Das liegt nicht zuletzt an der detaillierten Planung des Scheiterhaufens.

„Mit über 25 Männern bereiten wir das Spektakel monatelang vor“, sagt Reich. Die Burschen fahren mit Traktoren und Hängern durch die Gemeinden im Umkreis und sammeln Holz, Paletten sowie Christbäume. Verwendet werden darf ausschließlich Naturholz, das nicht lackiert oder lasiert ist. Gesammelt wird das ganze Material am späteren Funkenplatz.

Funkenfeuer

Größtes Funkenfeuer im Allgäu

Über 6000 Paletten und 800 Christbäume haben die Helfer für die Veranstaltung heuer zusammengebracht. „Damit haben wir das größte Funkenfeuer im Allgäu“, sagt Reich freudestrahlend. Über zehn Meter hoch ragt allein der Haufen, den die Helfer in mühevoller Arbeit errichtet haben, in den Himmel. Hinzu kommt noch die Stange, die weitere fünf Meter hoch ist. 15 Meter Breite hat Reich gemessen.

Doch mit dem Aufbau des Funkenfeuers ist es nicht getan. Tagelang bewachen die Helfer in verschiedenen Tag- und Nachtschichten ihr Werk. „Wir lassen den Funken nie allein“, betonen beide Funkenmeister. Und das ist auch besser so. Ebenso alt wie das Funkenfeuer ist im Allgäu der Funkenstreich. Seit jeher versuchen Buben aus Nachbarorten, bereits fertig geschichtete Funken vor dem eigentlichen Termin anzuzünden.

„Wir haben rund um die Uhr Posten an jeder Seite des Funkens“, erklärt Reich. Im Abstand von einigen Metern zünden er und seine Helfen sogar kleine Lagerfeuer an, um vermeintliche Bösewichte früher sehen zu können. „Einmal war es wirklich knapp, da haben wir ein paar Burschen gerade noch in letzter Sekunde erwischt“, erzählt er lächelnd. Noch heute ist er im Rückblick erleichtert, dass das liebevoll geschichtete Kunstwerk erst zum geplanten Termin entzündet worden ist und sich die beiden Funkenmeister nicht vor dem gesamten Ort blamiert haben.

Fackeln und Funkenküchle für die Kinder

Am Funkensonntag selbst ist der ganze Ort auf den Beinen. „Wir treffen uns immer am Feuerwehrhaus und geben dort Fackeln an die Kinder aus“, erzählt Reich. Gemeinsam laufen dann Veranstalter und Zuschauer zum Funkenplatz unterhalb der Kirche und entzünden das Feuer. „Die Kinder werfen die Fackeln in den Funken und wir helfen auch noch ein bisschen nach, bevor es so richtig losgeht.“

Bis meterhohe Flammen in die Luft schlagen dauert es zwar noch etwas, doch darauf sind die Veranstalter vorbereitet. „Mit heißen Getränken und den traditionellen Funkenküchle lässt sich das Spektakel hervorragend beobachten“, erzählt Reich und beißt genüsslich in sein Hefegebäck. Die Rezeptur ist in den meisten Gemeinden des Allgäus geheim. Doch davon lassen sich die Besucher nicht stören. Zufrieden betrachten Sie das wärmende Feuer, ihre Kinder beim Spielen und genießen eines dieser geheimnisvollen Hefe-Teigstücke.

Bilder
Autor
Kontaktbild von Anne-Sophie

Anne-Sophie Weisenbach

Folgen Sie Anne-Sophie Weisenbach auf: