SEBASTIAN KNEIPP, SUPERSTAR!

Eigentlich müsste man sein Leben erzählen wie eine Rockoper: Sebastian Kneipp, der Junge aus ärmsten Verhältnissen, bedroht vom Tod durch eine Infektionskrankheit, heilt sich selbst mit Wasser – und wird zum berühmtesten Deutschen seiner Zeit.

Wunderheiler, Selfmade-Mann, Start-Up Gründer, Influencer, Liebling der Promis, berühmtester Deutscher – wenn man ganz nüchtern die Fakten zu Sebastian Kneipp zusammenträgt, entsteht schnell vor allem ein Eindruck: Man hat es mit einem Superstar seiner Zeit zu tun. Die Fotos, die den Pfarrer aus Bad Wörishofen zeigen, wollen nicht ganz dazu passen. Ein gemütlicher, sympathischer, fast ein wenig behäbig wirkender Herr. Und der soll eine ganze Epoche beeinflusst haben? Bis heute? Wie ist es dazu gekommen? Dass ein Junge aus ärmsten Verhältnissen zum Superstar wurde? Weil er ein Rebell war…

Als Kind musste Sebastian Kneipp hart arbeiten. Er saß am Webstuhl und trug zum Lebensunterhalt der siebenköpfigen Familie bei. Die Apparate standen im Keller des elterlichen Bauernhofs. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Textilien ergänzten die Erträge des kleinen Betriebes in Stephansried. Auch deshalb war ein Besuch einer weiterführenden Schule nicht vorgesehen, man brauchte die Arbeitskraft. Da nützte es nichts, dass Sebastian als ordentlicher Schüler galt. Im 19. Jahrhundert war es üblich, dass Kinder arbeiteten. Ihre kleinen Fingern eigneten sich perfekt, das Schiffchen durch die Kettfäden zu führen. Das Ideal einer „glücklichen Kindheit“, wie wir es heute kennen, gab es nicht. Und so interessierte sich auch niemand sonderlich dafür, dass der „Baschti“ einen Traum hatte: Er wollte Pfarrer werden.


Ein einfaches Leben und ein großer Traum

Der Vater war ein schweigsamer, gottesfürchtiger Mann. Über die Mutter hieß es, sie dulde keinen Widerspruch und habe eine „Schärfe im Charakter“. Sie hatte zwei Töchter aus erster Ehe mit gebracht, ihrem zweiten Mann zwei weitere Töchter geschenkt und einen Sohn. Man lebte ein arbeitsreiches, ein karges Leben. Ein Leben ohne viel Austausch. Später sagte Sebastian Kneipp einmal: „Viel Liebe habe ich zu Hause nicht erfahren.“ Für seinen Wunsch, Theologie zu studieren, fehlte nicht nur das Geld, sondern auch jegliche Unterstützung seitens der Eltern. Er aber gab seinen Traum nicht auf. Und fand im nahen Grönenbach einen Pfarrer, der ihn förderte. 1844 – Sebastian Kneipp war bereits 23 Jahre alt – wurde er tatsächlich in die erste Gymnasialklasse der katholischen Studienanstalt von Dillingen eingeschult. Er war der mit Abstand älteste Pennäler. Unter den Mitschülern nannte man ihn: „Papa Kneipp“.

Der Spitzname sollte später Teil des Markenzeichens werden. Dass Sebastian Kneipp überhaupt zum gütigen Heiler werden konnte, ist tatsächlich bemerkenswert. Während des Studiums musste er immer wieder dem Unterricht fernbleiben. Er litt unter schweren Hustenanfällen, blutigem Auswurf, Fieber. Heute geht man davon aus, dass es sich um eine Tuberkulose-Infektion gehandelt habe. Die Krankheit war damals weit verbreitet, besonders unter Webern. Ihre Webstühle standen oft in Kellern, wo die Luft feucht und kühl war. Der zu verarbeitende Flachs blieb so geschmeidig, der Faden riss nicht so oft. Die Arbeitsbedingungen waren alles andere als gesund. Kneipp, sonst ein kräftiger Kerl, magerte ab. Und wer weiß, wie es ausgegangen wäre, hätte er nicht das Buch von Johann Siegemund Hahn für sich entdeckt. Es trug den Titel: „Unterricht von Krafft und Würkung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen…“


Ein Todgeweihter, der ins Wasser geht

Ob diejenigen, die um ihren Lebensweg ringen müssen, ein besonders ausgeprägtes Beharrungsvermögen haben? Ein größeres Vertrauen? Mehr Mut? Sebastian Kneipp jedenfalls setzte all seine Hoffnungen in die Wasserkuren. Während seines Studiums im schwäbischen Dillingen wanderte der Todgeweihte zwei- bis dreimal wöchentlich in 45 Minuten zum Donauufer und tauchte für drei bis fünf Sekunden in das eiskalte Wasser. Ohne sich abzutrocknen schlüpfte er wieder in die noch warmen Kleider. Und wanderte zurück. Tatsächlich überwand er so die Krankheit. Ohne um die genaue Wirkung zu wissen, entwickelte er die Wasserkuren weiter zur Hydrotherapie. Seine Heilungserfolge sorgten für erste Aufmerksamkeit. Später, als Beichtpfarrer in Wörishofen, wird er allerlei Leiden kurieren – Herzklopfen und Schwindel, Blasenleiden und Schlaflosigkeit, Gelenkschmerzen und Unfruchtbarkeit.

Heute weiß man, was bei der Verdunstung auf der Haut passiert. Dabei muss man das Wasser eher als Medium sehen. Damit der Mensch Wärme- und Kältereize wahrnehmen kann, verfügt er über so genannte Thermorezeptoren. Diese leiten Signale über das Rückenmark zum Gehirn. Nach einem Kältereiz ziehen sich die Gefäße in der Haut zunächst zusammen und weiten sich im Anschluss wieder. Das erklärt, warum uns Kälte blass aussehen lässt, Wärme hingegen rosig. Zudem veranlasst die Hirnanhangsdrüse die Ausschüttung des Hormons ACTH. Es sorgt dafür, dass die Nebenniere das Stresshormon Cortison freisetzt. Untersuchungen zeigen, nach drei Wochen mit Kaltwasseranwendungen bewirkt ein Kältereiz keine Cortison-Ausschüttung mehr – die menschlichen Zellen profitieren dann von den positiven Effekten des Cortisols. Es regt den Stoffwechsel an, stärkt die Immunabwehr. Mehr als 150 Jahre sind vergangen, seit Sebastian Kneipp in die Donau gegangen ist, um sein Leben zu retten. Doch erst heute verstehen wir, welche Prozesse dabei in Gang gesetzt wurden.


Für manche ein Kurpfuscher – für viele ein Retter

Nervenbahnen verbinden viele Punkte unseres Körpers. Kaltes oder warmes Wasser wirkt nicht nur an der Stelle, an der es die Haut berührt, sondern löst Veränderungen auch in anderen Regionen aus. So fördert ein Knieguss die Durchblutung in den Händen, ein Brustwickel sorgt für warme Füße. Und Fußbäder erweitern die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut. Kneipp hat das in einem rein wissenschaftlichen Sinne nicht wissen können. Das Hormon Kortison etwa wurde erst in den 1930ern Jahren überhaupt entdeckt. Aber die Wasser-Anwendungen zeigten Wirkung. Kneipp therapierte nicht nur sich selbst mit Güssen aus der Gießkanne des Gärtners im Dominikanerinnenkloster von Wörishofen, wohin er nunmehr als Priester und Beichtvater versetzt worden war, sondern auch immer mehr andere. Sie kamen zu ihm, um Hilfe zu finden in ihrem Leid. Und in Wörishofen begann man sich an diesen Anblick zu gewöhnen. Menschen, die barfuß über taufeuchte Wiesen staksten oder mit hochgezogenen Beinkleidern durch den Wörthbach. Eine moderne Gesundheitsbewegung. Ihr Zentrum war – und ist noch immer: das Allgäu.

Es kam aber auch zu Klagen. Einzelne Apotheker und Ärzte bezichtigten den Pfarrer der Kurpfuscherei, man wollte ihm den Umgang mit den Patienten verbieten. Doch hatte man die Rechnung nicht gemacht mit einem zwar liebenswürdigen, doch nicht minder beharrlichen Kämpfer. Sebastian Kneipp glaubte zutiefst an das Gute in seinem Tun. Und täglich, so sagte er, gaben ihm unzählige Heilungsuchende und Geheilte Recht. In freundlichen, aber unmissverständlichen Worten stemmte sich der Pfarrer gegen alle Anklagen. Immer wieder gab es Kritik, es kam sogar zu einzelnen Brandstiftungen gegen das Kloster. Und doch wurde Wörishofen zum Zentrum der Hydrotherapie. Immer mehr Menschen kamen in den Ort. Unterstützt von bis zu 13 Ärzten hielt Sebastian Kneipp seine Sprechstunden ab. Bis zu 300 Patienten konsultierten ihn täglich. 1893 zählte Wörishofen mehr als 30.000 Kurgäste und mehr als 100.000 „sonstige Besucher“.

Der Erfolg Kneipps fällt in eine besondere Zeit. Deutschland befand sich in einem dramatischen Prozess des Umbruchs: Diverse Kriege waren geführt worden, das Land verwandelte sich von einem kleinstaatlichen Vielvölkerstaat zur politischen Großmacht. Die Industrialisierung veränderte ganze Regionen, Fabriken wurden gebaut, die Eisenbahn erschloss das Land, immer mehr Menschen wurden zu Proletariern. Harte Arbeit und Entfremdung sorgten dafür, dass sich der Städter nach der Natur sehnte, nach der Ferne. Die Romantik erblühte, der Kolonialismus erstarkte. Das Individuum im Mahlstrom der Zeit. Und plötzlich bot jemand die geeignete Lebensphilosophie. Kneipps Anwendungen linderten auch die Leiden einer entfesselten Epoche. Seine Zuwendung vermittelte dem Einzelnen ein Gefühl der Geborgenheit und Wärme.


Bestseller, Weltberühmtheit und „Papa Kneipp“

Mit seinem Buch „So sollt ihr leben“ wollte Kneipp eigentlich bewirken, dass weniger Menschen seine Sprechstunden aufsuchen. Deshalb beschrieb er alle Anwendungen so ausführlich, auf dass man sie auch zu Hause machen könne. Aber das Buch löste einen Hype aus. Innerhalb kürzester Zeit wurde es zum Bestseller. Und Wörishofen zählte immer mehr Besucher. Es entstanden Gast- und Kurhäuser. In denen wird die Kneipp’sche Therapie gelehrt, sie beruht auf fünf Säulen: Innere Balance, Genuss, Kräuter, Bewegung, Wasser. In aller Welt wurden Kneipp-Vereine gegründet, und in Deutschland wurde ein neues Berufsbild erfunden: der Kneipp-Bademeister. Ende des 19. Jahrhunderts kürte die Washington Post den Allgäuer zur drittberühmtesten Person der Welt: hinter dem damaligen US-Präsidenten Grover Cleveland und Fürst Bismarck. Der Bauernjunge, der es zum Gymnasiasten und zum Priester gebracht hat, der dem frühen Tod widerstand und den Obrigkeitshörigen, war zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit geworden. Heute würde man sagen: ein Influencer.

Doch um den Ruhm ist es Sebastian Kneipp nie gegangen. Zwar gibt es die frühen Fotografien, die ihn mit Prinzessinnen und Prinzen zeigen, mit Erzherzögen und mit dem Papst – Leo XIII hat Kneipp mehrfach besucht –, doch Sebastian Kneipp hat nicht einmal Geld verlangt für seine Behandlungen. Im Gegenteil. Er mühte sich, alle, die ihn aufsuchten, gleichermaßen grob zu behandeln. Er machte Scherze, witzelte über ihre Moden, fragte nach ihrer Religion und zeigte sich am Ende immer gütig und herzlich. Und so wird ihn die Welt in Erinnerung behalten: Papa Kneipp. Der gemütliche Kerl mit der Zigarre, der den Menschen ein Geschenk gemacht hat – den Glauben an die Heilkraft aus dem Inneren. Es ist eine Macht, auch noch in heutigen Zeiten.


600 Kneippvereine und der Eintrag als Welterbe

Selbst ein Heiler ist nicht unsterblich. Doch selbst im Tod zeigte Sebastian Kneipp Größe. Als sich herausstellte, dass sein Krebsleiden unheilbar sein würde – für die Ärzte dieser Zeit –, verzichtete er auf jede weitere Behandlung, auf die Gabe von Medikamenten. Im Alter von 76 Jahren stirbt der Begründer der modernen Hydrotherapie. Wir schreiben das Jahr 1897. In Wien dreht das Riesenrad im Prater seine ersten Runden mit Fahrgästen, der erste Dieselmotor beginnt zu tuckern, eine Universität lässt erstmals Frauen studieren, und Bram Stoker’s „Dracula“ erscheint. Noch heute existieren unter dem Dachverband des Kneipp-Bundes mehr als 600 Kneippvereine mit rund 160.000 Mitgliedern. Noch immer erzielen Kneipps Bücher Millionenauflagen. Wörishofen wurde 1920 zum Bad. In Deutschland gibt es nach wie vor eine Vielzahl an Kneippkurorten. Im Dezember 2015 teilte die deutsche UNESCO-Kommission mit, dass das Kneippen als „traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen ist.

Uns bleibt ein besonderes Vermächtnis. Und deshalb feiern wir den Geburtstag eines Allgäuers – des Sebastian Kneipp.