Hut ab: Rundgang durch das Deutsche Hutmuseum mit der Leiterin Angelika Schreibe

Rundgang durch das Deutsche Hutmuseum mit der Leiterin Angelika Schreiber

Unser Treffpunkt ist die markante Spindeltreppe im Erdgeschoss. Angelika Schreiber erwartet mich bereits und heißt mich in ihren heiligen Hallen herzlich willkommen. Seit Dezember 2014 ist sie die Leiterin des Deutschen Hutmuseums. Die nächsten Minuten wird sie mich über die rund 1.000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche und durch 300 Jahre deutsche Hutgeschichte führen.

Auf dem Weg in die erste Etage erzählt mir Angelika Schreiber die Geschichte des Gebäudes. Wohl kein anderer Platz eigne sich, ihrer Meinung nach, für den Sitz des Deutschen Hutmuseums besser, als das ehemalige Fabrikgebäude der Hutfabrik Reich. Das Unternehmen war einst der größte Arbeitgeber Lindenbergs. Das Gebäude, aus dem Jahr 1923, wurde über eineinhalb Jahre restauriert und umgebaut, bis es schließlich im Winter 2014 als Deutsches Hutmuseum wiedereröffnen konnte. Das imposante Haus wurde originalgetreu saniert – nur die Spindeltreppe ist neu und verbindet heute die drei Etagen des Industriedenkmals.

Wir sind in der ersten Ausstellungsetage angekommen. Der Raum widmet sich ganz der Hutproduktion und der Hutgeschichte Lindenbergs. Im „Fabrik-Kino“ schauen wir Modistinnen bei der Arbeit zu, bei der Mitmachstation kann ich am eigenen Leib erleben, wie kräftezehrend die Arbeit der Hutmacher früher tatsächlich war und ich kann in verschiedenen Stationen die einzelnen Produktions- und Arbeitsschritte vom Rohling bis zum fertigen Hut mitverfolgen. Zahlreiche historische Zeittafeln und Dokumente skizzieren zudem die Geschichte der Hutwirtschaft Lindenbergs. Ich lerne, dass vor allem Frauen in der Hutproduktion beschäftigt waren und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Lindenberg, über 34 Strohhutbetriebe fünf Millionen Hüte im Jahr produzierten. Ich erfahre jedoch auch das erste Mal von der sogenannten Strohhutkrise im Jahr 1927 und kann anhand der Informationstafeln den starken Absatzrückgang in den 1970er Jahren mit Einsetzen der „Hut-losen“ Mode mitverfolgen – der Ruin für viele Lindenberger Hutbetriebe. Was mir auffällt: der Fokus der Ausstellung liegt gezielt auf den Menschen, die hier in Lindenberg in die Hutproduktion mit eingebunden waren. Angelika Schreiber bestätigt mir meinen Eindruck: „Im Mittelpunkt unserer Erzählungen stehen bewusst die Menschen: fleißige Heimarbeiterinnen, mutige Huthändler oder mächtige Fabrikanten. Unser Auftrag hier im Museum ist es, Geschichte authentisch und lebendig zu vermitteln – daher haben wir uns bewusst für diese historischen Zeitzeugen entschieden“, so Schreiber.

Das Schmuckstück der zweiten Ausstellungsetage ist der sogenannte Huttornado: dutzende weiße Hutmodelle steigen aus dem Boden empor, wirbeln scheinbar durch die Luft und bilden 300 Jahre deutsche Hutgeschichte eindrucksvoll ab. Flankiert ist der Hutstrudel von prominenten Ausstellungsstücken, die Geschichte schrieben: in einer Vitrine kann ich das Scheitelkäppchen Papst Benedikts bewundern, in einem anderen Glaskasten entdecke ich ein Lieblingsmodell der Queen. Aber noch weiteren bekannten und bekennenden Hutträgern ist hier jeweils eine Vitrine gewidmet: Fans von Roger Cicero, Udo Lindenberg, Luis Trenker und Indiana Jones kommen hier gewiss auf ihre Kosten. Die Ausstellungsvitrinen im Hintergrund archivieren 300 Jahre Hutgeschichte. Vom kornblumenblauen Käppchen Coco Chanels (nur die wenigsten wissen, dass die bekannte Mode-Designerin ihre Karriere als Modistin startete) bis zum Kulthut und Exportschlager, dem sogenannten Matelot, streife ich durch 300 Jahre Hutformen und Hutgeschichte. Am Schluss wird es noch einmal interaktiv: in der Hut-Ecke warten Zylinder, Pelzmütze, Topfhut, Matelot, Pickelhaube und Seefahrerhut darauf, von mir durchprobiert zu werden. 

Deutsches Hutmuseum Lindenberg, Museumsplatz 1, 88161 Lindenberg im Allgäu Öffnungszeiten: Di – So 9:30 Uhr bis 17:00 Uhr.

Bilder
Autor
© Sabine Weisel

Sabine Weisel

Die Reisenomadin

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