„Nein!“ möchte man rufen und fragen: „Sind Sie wahnsinnig geworden?“ Und am liebsten der Frau das historische, sicherlich wertvolle Buch aus den Händen reißen, auf das sie jetzt mit weiß behandschuhter Faust boxt. Die Frau lächelt irritiert. „Kennen Sie nicht den Ursprung der Formulierung, `ein Buch aufschlagen´? Es kommt daher, dass früher Metallspangen die Buchdeckel fest verschlossen hielten, damit das Papier glatt blieb. Um es zu lesen, öffnet man es mit einem Schlag auf die Schlösser.“ Die springen auf, und nun liegen die elfenbeinfarbenen Seiten vor uns, zweispaltig beschrieben, mit einer schön anzusehenden Handschrift. Sorgfältig, die Finger in weißen Stoffhandschuhen, legt unserer Führerin durch die Predigerbibliothek in Isny Seite um Seite um. Fasziniert sehen wir auf die ausgeschmückten Typographie.

Was macht das Buch mit uns? Warum berührt uns der Anblick einer historischen Bibliothek? Weshalb weckt es unsere Ehrfurcht, wenn wir die ersten Zeilen einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert lesen? Vielleicht weil uns dabei klar wird, dass wir in eine Epoche schauen, in der man seine Fragen an die Welt noch nicht an Wikipedia richten konnte. Bücher waren Wissen. Das geschriebene Wort hatte einen ganz anderen Stellenwert. Auch deshalb wurde es oft reich verziert, Buchstaben wie Kunstwerke. Die Magie der gedruckten Weltkunde sollte sichtbar sein. Auch denen, die nicht lesen konnte.