Ein Privileg ist es, hier stehen zu dürfen. Über 155 Stufen ging es nach oben. Die meisten davon aus Holz, ausgetretene Dielen, passgenau in die Wangen einer engen Stiege eingefügt. Wenn man die Hand auf das Holz legt, meint man in ferne Zeiten hineinzufühlen. Dabei lässt sich bei der Silvesterkirche in Mindelheim selbst für Experten nicht so ohne weiteres sagen, was in welcher Zeit gebaut wurde. Ihre Ursprünge reichen zurück bis in das Jahr 1409. Doch wurde sie immer wieder umgebaut, auf Barock getrimmt, quasi den Moden der Architektur angepasst, bis man sie 1804 – fast 400 Jahre nach der Grundsteinlegung – säkularisierte. Inzwischen ist die Silvesterkirche ein Museum, hier werden Turmuhren ausgestellt. Und es hat durchaus etwas bizarres, in unserem Zeitalter der Miniaturisierung vor solch großen Werken zu stehen.
Uhren messen die Zeit nicht bloß. Uhren erzeugen die Zeit, als Maß das Leben einzuteilen. Und Turmuhren verteilen dieses Maß. Sie überragen eine Stadt, ein Dorf, eine Region. Ihre Glocken tragen das Werk ihrer Arbeit weit hinaus. Ein Schlag für die Viertelstunde, zwei für die halbe, drei für Dreiviertel und schließlich vier Schläge für die volle Stunde, denen dann die Stundenschläge folgen. Zeit und Raum. Bild und Ton. So ist ein Turm mit seiner Uhr auch ein Motiv des Lebens und seiner Rituale. Und man steht hier oben, fast an der Spitze des 49 Meter hohen Kappelturms und überblickt sein Reich.