Interview mit Dieter Melchart

Achtsamkeit Allgäu – Wie wir unsere Balance finden

Dieter Melchart leitet das Kompetenzzentrum für Komplementärmedizin und Naturheilkunde der Technischen Universität München. Nach vielen Jahren als Arzt sagt er, dass wir Menschen verlernt haben, uns zu spüren.

Um uns wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hat Melchart ein Gesundheitstraining entwickelt, das helfen soll, nachhaltig den eigenen Lebensstil zu verbessern. Das Programm wird auch im Allgäu angeboten, achtsame Gäste können in Bad Wörishofen daran teilnehmen. Im Interview erläutert Melchart seine Beobachtungen und äußert zu den Erfolgsaussichten seines Programms…

Allgäu: Herr Melchart, haben wir uns selbst aus den Augen verloren?

Dieter Melchart: Wir leben heute meist nach einem strengen Zeitplan und unterdrücken manche unserer Bedürfnisse, etwa das nach Ruhe. Wir haben verlernt, uns zu spüren. Was tut mir eigentlich gut? Das wissen viele Menschen nicht mehr, weil ihre Pflichten so im Vordergrund stehen. Deswegen halte ich ein Individuelles Gesundheits-Management für sinnvoll. Dazu gehört die Frage: Wie sieht eine psychische und physische Selbstregulation aus? Die Teilnehmer unseres Angebots probieren einiges aus und schauen, was sie in die Balance bringt.

Warum fällt es uns so schwer, das eigene Gleichgewicht zu finden?

Es ist keine Frage des Wissens, eher eine Frage von Strategie-Vermittlung und Motivation. Viele wissen um gesunde Lebensmittel, aber wenn man sie nicht verträgt oder sie nicht schmecken, nützt das nichts.

Ohh, es liegt also gar nicht an uns…?

Wir empfehlen unseren übergewichtigen Teilnehmern, nach 17 Uhr keine leeren Kohlehydrate mehr zu essen, also Weißbrot, weißen Reis, Nudeln. Zwei Entlastungstage pro Woche mit nur 500 oder 600 Kilokalorien regulieren zudem das Gewicht, den Blutdruck, zu hohe Cholesterinwerte und verhindern, dass sich der Stoffwechsel verlangsamt.

Das klingt gar nicht so schwierig. Dennoch empfehlen Sie, einen Kurs zu besuchen?

Wir machen innerhalb unseres einjährigen Gesundheitstrainings viele Angebote: für das Ernährungsverhalten, für das Bewegungsverhalten, für das Stress- und Schlafverhalten. Wir sollten uns fragen: Wie ernähre ich mich? Wie viele Stunden schlafe ich, wie gut schlafe ich? Wieviel bewege ich mich? Welchen Blutdruckwert habe ich? Es geht um Aufklärung und Lebensstiländerungen.

Gibt es eigentlich ein Kern-Problem, das Sie bei den Menschen beobachten?

Bei uns herrscht meist die Haltung: Der Arzt ist zuständig für mich, wenn ich krank bin. So wie die Werkstatt für mein Auto. Aber ich bin für meinen Blutdruck selbst verantwortlich.

Was Gewicht und Fitness betrifft, hat sich wohl jeder von uns ein kleines Arsenal an Entschuldigungen eingerichtet. Wann sollte man mit dem von Ihnen angebotenen Training, bzw. einem ähnlichen, beginnen?

Es ist eine Frage der Lebenshaltung, der Lebensdisziplin: Will ich aktiver Manager meiner Gesundheit sein? Gesundheit muss erarbeitet werden. Klar, manche Menschen tun sich leichter als andere. Aber niemand ist hilflos. Wir empfehlen zum Beispiel einen Schrittzähler, um die Bewegung im Alltag zu steigern. Wir raten dazu, den Bauchumfang zu messen, weil wir heute wissen, dass viszerales Bauchfett gefährlich ist. Wir können vieles korrigieren durch unseren Lebensstil statt durch Medikamente und Chirurgie.

Braucht es zur eigenen Balance nur Fitness und Ernährung?

Der emotionale Umgang mit sich selbst ist genau so wichtig. Wie spreche ich innerlich mit mir? Kultiviere ich Optimismus oder bin ich eher negativ eingestellt? Habe ich genügend Selbststärke, mich auch mal abzugrenzen, zu erkennen, dass ich jetzt Rückzug brauche und mal „Nein“ sagen muss? Dieses Selbststärkende ist ein wichtiger Teil unseres Programms.

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