Heute, so die Stadtführerin, die uns Mindelheim zeigt, werde das Tor während der Faschingszeit mit einem überdimensionalen Clowns-Kostüm zum größten Narren. Und mir gefällt der Gedanke, dass das einstige Sünderglöckchen inzwischen die Bespaßung einleitet. Wir waren direkt hinter dem Tor in die Pfarrstraße gegangen. Und während wir langsam auf die Pfarrkirche zugingen, deklamierte unsere Führerin aus der Geschichte der Stadt, dass hier bereits in vorchristlicher Zeit gesiedelt wurde, dass im 9. Jahrhundert die erste Kirche entstand, dass der Ort im 11. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde und im 13. Jahrhundert die Stadtrechte erhielt. 1365 kam Ulrich von Teck an die Macht, und die erste Blüte Mindelheims steht in engem Zusammenhang mit seiner Herrschaft. Vor allem aber mit seiner Frau, Anna von Polen. Und kurze Zeit später standen wir vor ihr…

In der Kirche zeigt eine Gedenktafel das ausdrucksstarke Antlitz der Gönnerin. Unweit davon das Grab ihres Ehemanns, neben ihm eine ihrer Nachfolgerinnen. Doch offenbar war keine mehr so wichtig für Mindelheim wie Anna, der die Stadt zwei Kirchen zu verdanken hat – unter anderem die, in dessen Turm wir jetzt stehen. Und weiter mit den Fingern den Weg abzeichnen, den wir durch Mindelheim gegangen sind: Irgendwo da, im Gewirr der engen Gassen, muss das Heimatmuseum sein, untergebracht in den barocken Räumen eines ehemaligen Franziskanerinnen-Klosters. Kunst, Möbel, Alltagsgegenstände – eine Lebenswelt, die in Teilen heute so fern wirkt wie die Naturvölker Papua-Neuguineas. Aber das hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich mir mit meinen 1,93 Meter vor dem kurzen Bettchen vorkomme wie Gulliver.